Martinstag, Ahrweiler

11.11.2017

11. November 2017 

"Historisch wertvoll", diese Prädikat vergibt das Amt für Rheinische Denkmalpflege dem Ahrweiler Martinsbrauchtum. Vier Huten wetteifern im sportlichen Wettkampf nicht nur um das schönste Martinsfeuer - seit den 50er Jahren werden auch überdimensionale Schaubilder erstellt die aus Tausenden von Fackeln zusammengesetzt werden. Die Schaubilder - die alle eine eigene Botschaft enthalten - strahlen am Abend des Martinstages von den Hängen rund um die Stadt

Der Martinstag in Ahrweiler ist mittlerweile zu einem Schauspiel geworden, das in jedem Jahr  unzählige Besucher aus der ganzen Region anlockt.

Auszug einer historischen Abhandlung des Martinstages in Ahrweiler von Josef Müller.

Alljährlich, wenn der Sommer uns verlassen hat, wenn Maler Herbst ins Land gezogen und die Traubenlese vorbei ist, denken die Ahrweiler Schulkinder nur noch an das nahende Martinsfest mit seinen vier großen Bergfeuern, den imposanten Fackelschaubildern und dem ideenreichen Kinderfackelzug.

Die Kinder sitzen dann allabendlich mit Bruder oder Schwester, mit Mutter oder Vater am Tisch und basteln an ihrer Martinsfackel. Zweifellos helfen die erwachsenen Familienmitglieder oder zumindest der Vater einmal mit, damit die Idee, welche das Kind darstellen möchte, auch in der Fackel entsprechend verwirklicht wird. Daneben aber müssen die Jungen fleißig mitgehen, um Reisig im Walde zu sammeln und zu „Schanzen" zu binden, damit ein großes Feuer aufgebaut werden kann.

Sie freuen sich alle auf dieses Fest, das in Ahrweiler als Fest der vier Huten mit einem erlebnisreichen und eindrucksvollen Brauchtum begangen wird.

Im Gegensatz zu anderen rheinischen Orten werden in Ahrweiler gemäß der Zahl der Huten vier Bergfeuer gleichzeitig abgebrannt.

Dieser Brauch ist schon über 125 Jahre alt. Es ist ganz natürlich, daß am Martinsabend die Hutengemeinschaften untereinander in einen kleinen Wettstreit geraten. Jede Hut strengt sich an, jede möchte das größte Feuer oder das originellste Fackelschaubild haben.

Dieser Wettstreit wurde nicht immer friedlich ausgetragen. Nein, im Gegenteil! Gegen das noch vor 50 Jahren so beliebte „Schanze stritze" (Schanzen stehlen) wäre nicht allzuviel einzuwenden gewesen. Aber die älteren Ahrweiler Bürger wissen sich noch zu erinnern, daß bis zum Beginn des ersten Weltkrieges nach dem Abbrennen der Martinsfeuer die jungen Burschen anschließend sich regelrechte Kämpfe mit Pechfackelstöcken oder gar Weinbergspfählen lieferten, daß also dieser schöne Abend oft ein wüstes Ende in der Stadt und auf dem Marktplatz fand.

Rektor Christoph Strauck, ein eifriger Förderer des Martinsfestes, erzählt uns in einem Schriftstück, das er im Archiv des Martinsausschusses niederlegte, wörtlich:

,,ln unserem schönen Ahrweiler werden seit undenklichen Zeiten von den vier Hüten am Samstag vor der Martinikirmes ,,Mätesfeuer" abgebrannt. Dann bewegt sich von jedem Feuer abwärts ein Lumpenfackelzug in schönen Zickzacklinien zur Stadt. Vor der Stadt werden die Fackeln ausgeschlagen, und nun beginnt unter Absingen des Kampfliedes ,,Sen me denn net all die Ovvehöde Jonge usw." ein Kampf mit der gegnerischen Hut. Durch das wüste Betragen der Kämpfer kam der sonst so schöne Martinsabend bei allen Fremden und auch bei sehr vielen Einheimischen in üblen Ruf".

Den ersten Vorstoß, diese unschönen Begleiterscheinungen abzustellen, unternahmen im Jahre 1913 Rektor Strauck und Oberlehrer Albert Federle, der spätere Oberstudienrat und Kreisarchivar. Rektor Strauck versuchte damals, alle Hüten am Niedertore zu sammeln, um gemeinsam singend und ohne wüste Prügelei durch die Straßen zu ziehen. Während die Volksschüler sich zum gemeinsamen Zuge einfanden, belästigten halbwüchsige Burschen, denen eine Rauferei wie in früheren Jahren mehr Freude machte, die Schüler. So wurde der Lehrerschaft die Lust am Feste genommen. Durch den Kriegsbeginn im Jahre 1914 unterblieben Martinsfeuer und Lumpenfackelzüge.

Im Jahre 1922 waren es dann Baptist Plachner und Jean Mies, welche den Rektor baten, noch einmal einen Versuch wie 1913 zu wagen. Die Lehrerschaft war sehr mit dem Plan einverstanden, der Rektor stimmte zu, falls die Schule seitens der Bürgerschaft die notwendige Unterstützung fände. Der Versuch wurde gemacht, und der Fackelzug gefiel den Einwohnern so gut, daß der im gleichen Jahre gegründete Martinsausschuß allenthalben Zustimmung und Hilfe fand. Dieser Martinsausschuß bereitet nunmehr seit 1922 alljährlich das Martinsfest vor und führt es mit Hilfe der Hutengemeinschaften, ja der gesamten Bevölkerung durch. Der Ausschuß rüttelte nicht an der Tradition des Martinsabends. Er beließ so die Jugend in der Gemeinschaft ihrer Hut, er beließ jeder Hut das eigene Feuer und den eigenen Lumpenfackelzug. Die Lumpenfackelzüge haben sich nun in den letzten 12 Jahren zu Fackelschaubildern entwickelt, die immer einen heimatbezogenen Anlaß als Motiv wählen. Der Fackelzug erhielt seit 1922 dann endgültig die Hutordnung. Seitdem werden auch Feuer und Schaubild von einer besonderen Bewertungskommission bewertet und mit Preisen bedacht. Der Heimatschriftsteller Heinrich Ruland widmete der Ahrweiler Schuljugend ein langes Martinsgedicht. Er schrieb aus Freude über den 1922 gelungenen Fackelzug in der Presse folgendes:

„Glückliche Jugend, die sich im Glänze bunter Papierfackeln freut und deren Heilige noch sichtbar/ich auf der Erde wandeln! Freilich, früher war es anders am Vorabend von St. Martinstag: etwas wilder und kriegerischer, wenn richtige Fackeln in flammenden Kreisen geschwungen wurden und schimpfende Mütter sich um versengte und mit Teer beschmierte Anzüge bemühten und zerschun-dene Bubenköpfe verbanden. Mochte die Mutter klagen und jammern, es wurde kein Duett daraus, denn der Vater war dann immer so merkwürdig still. Und wenn die trotzigen Bubenaugen zu ihm hinüberblickten, senkte er schnell den Kopf über die Zeitung, damit wir den Glanz in seinen Augen nicht sehen sollten. Ich habe ihn immer im Verdacht gehabt, daß er noch selber gerne gegen die Ovvehöde zu Felde gezogen wäre, ... er wurde so ein bißchen Kind, der große, lange Vater..."

Dank der Arbeit des Martinsausschusses wurde in den letzten Jahrzenhten das Martinsfest veredelt und verschönert. Unter der Leitung des Rektors Rausch begannen auch die Mädchen der Ahrweiler Volksschule, ihre Fackeln zu bauen. Sie gehen im Gegensatz zu der Zeit vor dem ersten Weltkriege heute im Fackelzug geschlossen mit. Wenn ehedem der Gegensatz zwischen den vier Hüten am Martinsabend besonders stark in Erscheinung trat, so ist er heute ziemlich überwunden. An seine Stelle ist ein fairer Wettstreit um das größte Feuer und um das schönste Fackelschaubild getreten. Da sollen die Jungen in den Hüten sich schon einmal anstrengen, um so schöner wird das Fest, um so nachhaltiger das Erlebnis, das aus ihm fließt!

Ganz weggefallen aus Verkehrsgründen ist das Sammeln von Brennmaterial in den Straßen der Stadt. Die letzten drei Tage vor dem Feste wurden früher hier Holz, Papier und Pappe in großen Wagen gesammelt und zum Feuerplatz gefahren. In der Stadt erklangen dann die alten Kampflieder, die je nach Hut abgewandelt wurden:

Sen me denn net all die Niddehöde Jonge,
wer jet well, der kann jetzt komme.
Heierassassa, vievaldera, und die Ahrhöde
mössen dran.

Weiter hieß es dann:
Alles singt, alles singt, alles singt,
Hurra, hurra, hurra, tirallala.
Sen me denn ... usw.

Vor den Geschäften sangen die Jungen in Hochdeutsch:

Hier wohnt ein reicher Mann,
der uns was geben kann,
viel soll er geben,
lang soll er leben,
laßt uns nicht zu lange stehen,
denn wir müssen weiter gehen, weiter gehn!

Im Dialekt wurden die Bürger zur Abgabe von Brennmaterial aufgefordert:

Bö Strüh feine Garbe Stroh) - Sack voll Flüh! Jet ohs Jet füe et Mätesfeue!

Während des Fackelzuges erklang immer wieder das Lied:

De hellije Zinte Mätes,
dat wor ene jode Mann!
Er jov da Kende e Käzje (ein Kerzchen)
und stoch es salve an.
Dotz, dotz, dillendotz,
dat wor ene jode Ma-a-an

Leider sind diese alten Martinslieder bis auf das erstgenannte Kampflied in Vergessenheit geraten. Dafür singen die Ahrweiler Kinder im Fackelzug die Lieder „Der Herbststurm braust durch Wald und Feld" und „St. Martin ritt durch Schnee und Wind" wie auch „Ich geh mit meiner Laterne".

Man muß einmal am Martinsabend in die Augen der Kleinen schauen, wie sie im Scheine der Fackeln glänzen, wenn sie zu St. Martin aufblicken, der da hoch zu Roß inmitten der Kinderschar reitet. Wer könnte sich da nicht mitfreuen? Als 1922 Heinrich Ruland das Martinsgedicht schrieb, schloß er seine Verse mit den Worten:

,,Die Fackeln werfen roten Schein, Wer kommt durch Tor und Bogen, Wer kommt auf hohem Roß herein In unsere Stadt gezogen? Ihr Mädchen brav, ihr Buben gut, Macht euch bereit, ihr Kinder, Der Oberhut, der Niederhut, Ihr ändern auch nicht minder. Recht artig mit dem Heil'gen zieht, Schwätzt nicht, macht kein Gegackel! Nein, singt zum Gruß ein frommes Lied, und leuchtet mit der Fackel!"

Daraufhin schrieben die Ovvehöde, Ahrhöde, Niddehöde und Addemechshöde Jonge dem Dichter einen Brief, in dem es heißt: ,,Sehr geehrter Herr Ruland! Die Ahrweiler Kinder sagen Ihnen herzlichen Dank für das schöne Gedicht und versprechen, daß sie im nächsten Jahr wieder ohn' Gegackel dann leuchten werden mit der Fackel!"

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